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Brief an die Ex-Abgeordneten

Von CO am 28. September 2013

Sehr geehrte/r ehemalige/r Abgeordnete/r,

herzlich willkommen zurück im gemeinen Volk! Bitte reichen Sie dieser Tage Ihren Diplomatenpaß an das Auswärtige Amt und Ihre Jahresnetzkarte (1. Klasse) der Bundesbahn zurück. Verzichten Sie auch bitte auf die Fahrbereitschaft und die Flugtickets; das Sicherheitspersonal (wichtig für ehemalige Bundesminister!) ist bereits abgezogen. Wir empfehlen Ihnen dringend, bei einer Fahrschule in Ihrer Nähe ein paar Fahrstunden zur Auffrischung zu nehmen. Denn erfahrungsgemäß erzeugt die jahrelange Inanspruchnahme von Chauffeur-Fahrten einige fahrkönnerische Defizite. Achten Sie aber streng auf das Tempolimit!  Sie können keine “Sicherheitsgründe” mehr geltend machen für zu schnelles Fahren! Das gilt besonders für ehemalige VIPs: Es begleitet Sie kein BKA-Kommando mehr, das mit Blaulicht auf dem Dach das Tempo vorgibt!

Ihre Zweit-Wohnung in Berlin räumen Sie bitte zeitnah, damit erfolgreiche Mandatserlanger diese übernehmen können. Dasselbe gilt für Ihr ehemaliges Abgeordnetenbüro. Ihre ehemaligen Sekretärinnen, Persönlicher Referenten und ähnliches Personal kann sich zwecks Wiederbeschäftigung beim Personalpool der Bundestagsverwaltung melden.

Stellen Sie sich bitte darauf ein, dass Ihre Aufsichtsratsmandate, Verwaltungsratsmitgliedschaften bzw. Beiratsfunktionen demnächst neu besetzt werden. Gerade die gut bis sehr gut bezahlten Nebenverdienste zum Mandat unterliegen einer gewissen Begehrlichkeit bei der Nachfolge-Regelung.

Ersparen Sie sich auch peinliche Situationen bei der Nachfrage, warum nun “Arbeitsfrühstücke” oder Einladungen zum Abendessen der zahlreichen Lobbyisten ausbleiben: Solche Termine sind dringend und zwingend an die Ausübung eines aktiven Mandats gebunden! Präsentkörbe, Warenzusendungen (denken Sie nur an die sehr beliebte Mont-Blanc-Schreibgeräte-Ausstattung) oder Gutscheine dürften in nächster Zeit tendenziell abnehmen. Bereiten Sie sich auch mental darauf vor, dass Subalterne, welche sich bisher nahezu bücklingshaft um Ihre Nähe bemüht haben, plötzlich neue Freundschaften suchen. Selbst Parteigänger aus Ihrer eigenen Partei dürften sich Ihnen gegenüber mitunter etwas dreister aufführen, als Sie es bisher als MdB gewohnt waren.

Sollten Sie keine zwei Legislaturperioden (= 8 Jahre) im Deutschen Bundestag Mitglied gewesen sein, ist Ihr üppiger Rentenanspruch akut gefährdet! Sie müssen sich ggfls. der Tatsache annähern, eine gewöhnliche Beschäftigung (wieder-)aufzunehmen! Das ist inbesondere für solche Menschen extrem problematisch, deren Karriereschritte Kreißsaal-Hörsaal-Plenarsaal waren, die also nie in einem ordentlichen Beschäftigungsverhältnis standen!
Auch in Ihrem bisherigen Wahlkreis wird man Sie wohl eher ignorieren, seien es Schützenfeste, Stadtveranstaltungen, Sparkassen-Anlässe oder profane Grundsteinlegungen. Als Mandats-Verlustling strahlen Sie eine etwas melancholische, depressive Aura aus; das wird die Lokalprominenz auf Abstand zu Ihnen halten.

Aber Kopf hoch: In 4 Jahren ist ja schon wieder Bundestagswahl! Und wer weiß, wenn Sie und Ihre Partei bis dahin wieder gelernt haben, wie es so ist, im gemeinen Volk, dann sind die Aussichten gut darauf, wieder MdB zu werden. Zumindest bis zum nächsten Absturz.

 

Herzlichst 

Ihr Nachbar, der einfache Bürger. Wie Sie nun auch wieder einer sind.
/SD