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Nicht Fisch, nicht Fleisch

Von CO am 27. Juni 2016

Der Präsident des Zentralrats deutscher Katholiken sprach jetzt in Neuss.

NEUSS (nmj) – Auf Einladung des Neusser CDU-Vorsitzenden Jörg Geerlings sprach jetzt der Präsident des Zentralrats deutscher Katholiken, Thomas Sternberg, in der Neusser Pegelbar zum Thema »Kirche, Gesellschaft, Politik – christliche Positionierungen unter neuen Bedingungen«. Was der Referent verteidigt, wurde schnell klar: Ökumenisierung, die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, sogar den Koran. Denn das, was der IS mache, sei nicht durch den Koran gedeckt. Vielmehr werde auch im Islam Massenmord nicht mit dem Paradies belohnt, so der 64jährige Landtagsabgeordnete der CDU.

Dass eine etwas einseitige politische Positionierung dann auch nicht frei von Widersprüchen sein kann, wurde ebenfalls deutlich. So etwa, wenn der Honorarprofessor für Kunst und Liturgie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Münster einerseits die Wichtigkeit eines Konsenses in der Gesellschaft betont, andererseits dann aber profane parteipolitische Ausgrenzungen vornimmt, die sich in seinem Fall gegen die AfD richten, der er ein baldiges Ende durch Selbstzerlegung wünscht. Oder auch, wenn er die Silvesternacht in Köln als eine »Katastrophe« bezeichnet, da diese den Eindruck erwecken könnte, alle Flüchtlinge seien Lüstlinge, aber kurz darauf anmahnt, dass die Ängste aus der Bevölkerung nicht einfach abgetan werden dürften. Nicht Fisch, nicht Fleisch, sagt man wohl landläufig dazu.

Christliche Ethik im Spannungsfeld politischer und sozialer Unwegsamkeiten.

Christliche Ethik im Spannungsfeld politischer und sozialer Unwegsamkeiten.

Den Polen möchte der Doppel-Promovierte ins Stammbuch schreiben, nicht auf den Nationalismus hereinzufallen – ohne sich offenbar zu große Gedanken darüber zu machen, wie deutsche Belehrungen gegenüber Polen in dortigen Ohren klingen mögen. Und letztlich ist auch sein Ratschlag, auf dem afrikanischen Kontinent zu helfen, selbst wenn das bedeute, dass »die Jeans dadurch zwei Euro teurer wird«, ausschließlich eine euro-zentrische Perspektive, die schlicht und ergreifend die Probleme leugnet, die in Afrika selbst vorherrschen.  Wo die Welt derart schlicht geteilt werden kann in böse AfDler, Islamkritiker und Ausbeuter auf der einen, und den guten Menschen, etwa im ZdK, auf der anderen Seite, braucht es keine größere Debatte mehr; »Konsens« ist dann, wenn man es so macht und so sieht, wie der gelernte Bäcker, der von 1970 bis 1974 in Neuss lebte.

Nun ist es nicht so, dass die von Sternberg vertretene Haltung keine Daseinsberechtigung hätte; überhaupt ist doch der Linkskatholizismus, aus einem rein ethischen Verständnis, eine Position, die nicht verteidigt werden muss. Es wäre aber sicherlich zu kurz gegriffen, die Tatsache, dass sich kein honoriger und allseits anerkannter Fürsprecher für eine seriöse Gegenposition finden lassen will, als Bestätigung dieser Haltung als Allein-Interpretation christlicher Werte im Allgemeinen, wie der katholischen im Besonderen aufzufassen. Die Abwesenheit von Debatte dient immer nur dem Beleg der Abwesenheit von Debatte, nicht dem Beleg derjenigen Anschauung, welche gerade unwidersprochen bleibt.

Christliche Ethik ist in Tagen wie diesen allerdings nicht frei diskutabel. Eine solche Moraldebatte kann nicht – oder nicht mehr – als Abstraktum, als ledigliche geistliche Wegzehrung verstanden werden. Denn die Unruhe, die unseren Kontinent in den vergangenen Monaten ergriffen hat, muss das anständige Gemüt für die Besorgnis sensibilisieren, dass zur Verselbständigung neigende Entstehungen schnell unübersichtlich zu werden drohen. Schon heute existieren schließlich an diversen europäischen Schauplätzen politische und soziale Konfliktlagen, von denen jede einzelne es verdient hätte, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu erfahren. Und während Kern-Europa heute von diesen noch gemäßigten Unmutsanzeichen  erfasst wird, existieren an unseren europäischen Randlagen bereits existentielle Konflikte, die mitunter auf Leben und Tod geführt werden. Christliche Verantwortungsethik darf nicht die Augen davor verschließen, welches die mittel- und langfristigen Konsequenzen jeder Positionierung im öffentlichen Raume sein können. Dagegen allerdings ist abzuwägen, ob Widerspruchslosigkeit auch dann geboten sein soll, wenn sie jenen Interessen nützt, die die Zustände zu verantworten haben, aus denen heraus sich ja erst der Widerspruchsgeist formiert hat?

Im Zweifel wird es christliche Position des Anstands sein, auch um der eigenen Nachteile Willen zu dulden, wogegen die Unduldsamkeit aufbegehrt. Darüber nicht aus dem Auge zu verlieren, dass es in der Regel nicht die Verantwortungsträger selbst sind, denen Zumutungen nicht erspart bleiben, erfordert mehr Empathie als die Welt in schwarz und weiß zu teilen.

  1. Dr. Meyer

    28. Juni 2016 at 11:21

    Immer wieder schade,dass Essays wie dieses,welche es verdient hätten,in einem größeren Rahmen präsentiert zu werden,so ein unscheinbares Dasein in einem nur lokale Verbreitung findenden Medium führen müssen,wobei natürlich gilt,dass ein hoher Verbreitungsgrad kein Indikator für Qualität sein muss,vielfach sogar der Beleg des genauen Gegenteils.

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