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Neues vom Lordbibelbewahrer

Von DS am 7. April 2016

Bei einem Besuch in der Kaarster Rathaus-Galerie warnte der ehemalige Bundesminister Heiner Geißler, ein Christ könne nicht die AfD wählen.

KAARST (nmj) – Die Liste derer, mit denen er es sich in seinen nun 86 Lebensjahren verscherzt hat, ist lang. Die Rede ist von Heiner Geißler, ehemaliger CDU-Generalsekretär und Bundesminister, der am Dienstag, 5. April in Kaarst weilte. Seit diesem Auftritt kann er wohl die Wähler und Mitglieder der rechtsliberalen AfD als weitere Gegner seiner Liste hinzufügen. Die aber befinden sich damit immerhin in prominenter Gesellschaft: Für den ehemaligen Kölner Erzbischof Kardinal Meisner etwa ist Geißler ein »Miesmacher aus dem Mittelalter«; sein ehemaliger Förderer und Weggefährte, Helmut Kohl, lässt sich aus über den »Narren und Rechthaber«; und Willy Brandt bezeichnete den streitbaren Ex-Jesuitenschüler und Weinbergbesitzer sogar einmal als den »schlimmsten Hetzer seit Goebbels«.

Trug in Kaarst vor: Heiner Geißler (Bild: vhs kaarst-korschenbroich)

Trug in Kaarst vor: Heiner Geißler (Bild: vhs kaarst-korschenbroich)

Dabei war das Thema des Vortragsabends in Kaarst eher ein religiös inspiriertes: »Was müsste Luther heute sagen?«, war die Frage, die Geißler zu beantworten angereist war – wobei es sich inhaltlich wohl eher um eine Abwandlung seines bereits 2003 erschienen Buches »Was würde Jesus heute sagen?« gehandelt haben dürfte. In Vorausschau auf das Luther-Jahr 2017 verkauft sich der Text mit dem Protestanten wahrscheinlich besser. Trotzdem dauerte es rund eine Stunde, bis Geißler zum eigentlichen Kern seines Vortrags kam, der ein bißchen von allem hatte: Esoterik, Kirchenschelte und die unvermeidliche Portion Herz-Jesu-Marxismus, die sich wohl nicht zufällig bei jenen besonderer Beliebtheit erfreut, die selbst in quasi feudalen Verhältnissen arriviert sind, aus denen heraus sich dem übrigen Volk leicht das Diktum vom Teilen mitteilen lässt.

Die Egozentrik, die ganz offensichtlich Teil der Persönlichkeit Geißlers ist, macht einen guten Teil seiner Unterhaltsamkeit aus – eine Attitüde, die er mit dem Politiker der ehemaligen SED Gregor Gysi teilt. Bei beiden aber gilt es, zu beachten, dass dies auch zu der Neigung führen kann, sich selbst über die Dinge zu erheben. Bei Geißler hat das zur Folge, dass auch Recht und Gesetz nur in dem Maße verbindlich sind, wie sie mit der eigenen Rechts- und Weltanschauung kompatibel sind. So etwa, wenn Geißler über das Demonstrationsrecht sagt: »Wenn mich einer anfasst, dann schlage ich zurück – und wenn es ein Polizist ist, dann schlage ich zurück. Wenn ich demonstriere, dann übe ich ein Grundrecht aus, dann lasse ich mich nicht anfassen – von niemandem«.

So ist denn auch sein Laienverständnis darüber, welche Partei ein Christ nun wählen dürfe oder auch nicht, eher im Lichte seiner im Alter eher starr verfochtenen politischen Sozialisation zu sehen, die nicht mehr erkennt, wie unangebracht es ist, Wahlverhalten und religiöse Anschauung in einen derart verkürzten Zusammenhang zu bringen. Am ehesten offenbart sich dann auch hier – wieder einmal – die erstaunliche Vehemenz, mit der Menschen, die es zeit ihrer aktiven politischen Laufbahn nie an scharfer Kritik an Kirche und christlichen Grundsätzen mangeln ließen, nun ihrerseits wie die amtlichen »Lordbibelbewahrer« auftreten und anderen das Christ-Sein abzusprechen sich berufen fühlen. Der Applaus, den einige für seine polemische AfD-Abkanzelung spendeten, zeugte dann auch eher von der Zusammensetzung des Publikums, das den Ikonen von gestern gerne mal die Reminiszenz an vergangene Zeiten dankt – zumindest, wenn die Hochzeit der eigenen Erkenntnis-Entlehnung ebenso lange zurückliegt.

  1. gewissen

    7. April 2016 at 13:02

    Ob ein Christ die Afd wählen kann… Oder es einfach macht, ist genauso demokratisch machbar wie sich Parteien an die Kirche kleben um finanzielle Macht zu wahren. Tradition erhalten bedeutet nicht, neue Wege vermeiden. Ich glaube nicht, das ich Afd wählen werde, aber gut das es sie gibt. Vielleicht wähle ich Zitronenfalter, wenn sie endlich Zitronen falten. Seid wachsam.

  2. riesenprinz

    7. April 2016 at 14:05

    „Lordbibelbewahrer“…töhöhö…
    Aber im Ernst: Meint jemand wirklich,mit der Wahl (oder Mitgliedschaft) bei der AfD sei seine Seele verdunkelt, und mit dem Kreuz bei SPD/Grüne/Linke alles prima mit dem Seelenheil?
    Wie kann sich da jemand hinstellen (angeblich Christ) und über hunderttausende von Menschen ein Pauschalurteil fällen,die ihr Kreuz gewiß aus ganz verschiedenen Gründen bei der AfD gemacht haben?Dass man solchen „Staatsmännern“ noch beibringen muss,dass es die individuelle Haltung ist,das persönliche Gewissen,das es zu beurteilen gilt, und nicht eine Äußerlichkeit wie ein Parteibuch oder eine politische Anschauung zu einzelnen Sachfragen – das ist das eigentlich Erschreckende, Vermessene,ja Satanische an solchen undifferenzierten Äußerungen. Was Luther wohl sagen würde? Vielleicht dieses: „Die Welt schändet immer, was man loben soll, und lobt, was man schänden soll.“

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