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Schöneberg bleibt Brudermeister

Von DS am 25. Januar 2016

Die Holzbüttgener Sebastianer setzen auf Kontinuität – auch wo mehr Innovation gefragt wäre.

HOLZBÜTTGEN (nmj) – Die Atmosphäre auf den Jahreshauptversammlungen der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft Holzbüttgen ist oft geprägt von verhaltener Dissonanz, bei der die Entschlossenheit, Dinge so zu handhaben, wie sie immer gehandhabt wurden und die Rebellion gegen die Sprachlosigkeit selbst im Angesicht offenbar werdender Fragwürdigkeiten in einem steten Widerstreit zu stehen scheinen. Dass sich die Stimmung im Vorfeld des Sebastianustages traditionell auflädt, nicht selten in Absichten und Plänen oder gar der Ankündigung der  offenen »Palastrevolution« münden, die sich am Tage selbst dann aber als pure Luftnummer erweisen, ist gang und gäbe –nicht nur bei den Holzbüttgenern, ja noch nicht einmal beschränkt auf Schützenbruderschaften. Und doch erscheint gerade in Holzbüttgen die Grimmigkeit, zwischen Traditionsverständnis einerseits und der Offenheit für den Fortschritt andererseits einen Widerspruch zu kreieren, manifester und intransigenter als anderswo.

Jahreshauptversammlung der Holzbüttgener Schützenbruderschaft...

Jahreshauptversammlung der Holzbüttgener Schützenbruderschaft…

...Endstation kleines Gesellschaftszimmer?

…Endstation kleines Gesellschaftszimmer?

Turbulente Zeiten hat die Bruderschaft hinter sich, deren Nachwirkungen immer noch Teile der Tagesordnung bestimmen. Wenn in der Versammlung von Strafanzeigen, Unterschlagung, überhaupt von all jenen Unappetitlichkeiten die Rede ist, die der Skandal um einen ehemaligen Schatzmeister mit sich brachte, liest man in den Mienen der Anwesenden die ganze Palette an Emotionen, wie sie derartige Vorkommnisse in den Menschen erzeugen: Unverständnis, Enttäuschung, Ärger, Wut, aber auch Häme, Neugier oder die unverhohlene Lust an Sensationellem. So vielfältig der Empfindungshorizont, so unberechenbar ist auch die Stimmung, die jenem entgegenschlägt, der den Mut findet, der Versammlung gegenüber aufzutreten. Selbst Vorstandsmitglieder sprechen von der »Angst«, die man empfinden kann, wenn man sich der manchmal gärenden, manchmal brutal schweigenden Menge gegenübersieht. Die einen reagieren darauf mit Getöse. Es kommt vor, dass Wortmeldungen, auch wenn sie inhaltlich nicht wirklich Wertvolles bieten, allein durch das Polterhafte ihres Vorbringens begrüßt und beklatscht werden; andere Stimmen, die zwar etwas mitteilen, aber vielleicht ungeschickt in der Rhetorik sind, werden belächelt, niedergemurmelt, abgetan. Die breite Masse schweigt, zumindest am Mikrofon. Dafür wird an den Tischen umso munterer diskutiert, was der Brudermeister dann mit dem Läuten der Ordnungsglocke einzudämmen versucht.

Volker Schöneberg, seit 2011 Holzbüttgener Brudermeister, hat die Neigung, das, was zu sagen und zu erörtern ist, auf seine ganz eigene Art zu tun; sein Stellvertreter, Dieter Hellendahl, benennt dies offen als sehr beamtenmäßig. So mancher Vortrag wird als zu lang oder zu wiederholend empfunden. Schöneberg aber will, dass das, was er vorträgt, auch von jedem verstanden wird. Das kann dann, gerade bei trockener Satzungs- und Rechtsmaterie, mitunter viel Duldsamkeit erfordern. Aber gerade hier, in solchen Zusammenhängen, wenn Formalien, Ordnungen, Rahmenbedingungen zur Abstimmung stehen, ist die Unduldsamkeit fehl am Platze. Für einen Teil der Anwesenden ist schon jedes Wort zuviel, das den administrativen Teil betrifft. Sie betrachten die Jahreshauptversammlung als notwendige Erscheinung, auf der das Nötigste zu regeln ist, und wollen im Übrigen nur jenen Tagen im August entgegen fiebern, wenn das Regiment über die Straßen zieht. Für andere geht es um weit mehr. Für sie ist das Schützenwesen alles andere als eine Freizeitveranstaltung. Sie tragen die Uniform an jedem Tag des Jahres, wenn auch zeitweise nur mental. Hier treffen Welten aufeinander. Derjenige, der in erster Linie Schütze ist, wird es mitunter als despektierlich empfinden, wenn andere sich erst in zweiter, in dritter Linie als solche definieren.

Schöneberg kann an diesem Tage wieder eine Mehrheit von sich überzeugen. Kein Gegenkandidat stellt sich zur Verfügung. Und schon die Forderung eines Schützen, eine schriftliche (also geheime) Abstimmung über den einzigen Kandidaten für das Amt des Brudermeisters durchzuführen, erzeugt den Unwillen anderer. Am Ende stimmen 117 Mitglieder für Volker Schöneberg, 62 gegen ihn; acht Schützen enthalten sich. Die Zweidrittelmehrheit akzeptiert der Wiedergewählte.

Ähnlich später das Stimmenverhältnis bei der Wahl zum neuen Oberst. Josef Karis kann rund 40% der Stimmen verbuchen, sein Gegenkandidat, der neue Oberst Patrick Winterhoff, kommt auf rund 60% der Stimmen. Eindeutige Ergebnisse sehen anders aus. Aber kann man mehr erwarten angesichts der Unterschiedlichkeit der Charaktere und  Auffassungen? Schon die Ansichten darüber, was unter dem gemeinsamen Leitmotiv »für Glaube, Sitte, Heimat« zu verstehen ist, dürften unterschiedlich angelegt sein. Eine Debatte darüber findet natürlich nicht statt. Das ist Sache der höheren Ebenen.

Immer wieder verlassen einzelne Schützenbrüder die Versammlung vorzeitig mit genervten Kommentaren. Wer Einigkeit, gar Brüderlichkeit verlangt, wird nicht selten enttäuscht; Konsenssuche ist eher etwas für die Politik. Am Ende herrscht durchwachsene Stimmung. Dass die Schützen seit Jahren gegen die Anfeindungen aus einer bestimmten politischen Richtung ankämpfen müssen, scheint den Zusammenhalt nicht zu befördern. Dass sich – trotz einer wiederkehrenden Nachwuchs-Rekrutierung – die Mitgliederzahlen insgesamt auf einem sinkenden Level befinden, ebenso wenig. Mancher will es einfach nicht wahrhaben, dass der Zeitgeist gegen die Restauration spricht. Der spürbare Unwille, irgendetwas zu ändern, auch wenn es einfach nicht mehr in die Zeit passen will, lähmt längst den gesamten Ablauf; mit gestiegenen Umsätzen durch die Festbesucher wird sich dann darüber hinweggetröstet, dass an den Straßen immer weniger Menschen teilhaben wollen an dem einstigen Höhepunkt eines jeden dörflichen Lebens.

Noch beim Kirchgang vor der Versammlung ergeht der Appell, jedes Glied als Teil des Ganzen zu sehen, den einen als so wertvoll anzunehmen wie den anderen, und noch den Schwächsten und Entferntesten als gleichberechtigt wahrzunehmen; in der Versammlung selbst wird dann beschlossen, dass die Corpsführer der großen Corps weiterhin Majore sind, während sich die Corpsführer der kleinen Corps und Gesellschaften diesen Dienstrang erst langjährig erdienen müssen. Debattierbedarf? Fehlanzeige.

Das Fazit eines altgedienten Schützen: »Wir hangeln uns von Jahr zu Jahr durch, alles mehr oder weniger auf einem absteigenden Ast. Doch statt mal unser Selbstverständnis zu hinterfragen, Innovationen zuzulassen, etwas mehr Gelassenheit in den formalen Dingen wie Rangabzeichen oder Orden zu entwickeln, versteifen sich einige darauf, alte Besitzstände um jeden Preis zu verteidigen. In 10 Jahren passt die Versammlung dann ins kleine Gesellschaftszimmer.«

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