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»Medienmächtige als Kombattanten im geistigen Bürgerkrieg«

Von DS am 27. September 2016

Das Wirken der Massenmedien wird von dem Sozialphilosophen Dieter Thoma mit dem Einsatz soldatischer Verbände in Konfliktsituationen verglichen.

KONSTANZ (nmj) – Die wissenschaftlichen Theorien, die den Effekt von Massenmedien auf das Publikum beschreiben, sind zahlreich. Von der Annahme, dass die Medien nur einen untergeordneten Einfluss auf die Konsumenten ausüben bis zu der Ansicht, dass sie der meinungsbildende Faktor schlechthin seien, ist in der Medien- und Kommunikationswissenschaft eigentlich alles vertreten. Die herrschende Meinung bejaht einen großen Einfluss, wobei jedoch zusätzliche Faktoren hinzutreten müssen um eine überragende Wirkung auszulösen.

Den Vertretern der Massive-Effect-Theory (MET) dürfte das nicht genug sein. Sie behaupten, dass die Beherrschung der Massenmedien überhaupt das einzige, das zentrale Machtmittel schlechthin in der modernen Gesellschaft darstelle, welche unfähig sei, eine Überzeugung – so auch eine politische Haltung – aus eigenem Erkenntnisgewinn zu ziehen und daher darauf zurückgreife, sich diesen von den Medien vorsetzen zu lassen. Gemäß dieser Anschauung stehe auch das Wahlverhalten der Bürger in einem demokratischen Staat in einem direkten Zusammenhang mit den Medieninhalten, denen die Bevölkerung ausgesetzt ist. Das Aufkommen des Internets zum Beispiel habe die bisherige »Machbastion Massenmedien« arg geschliffen, weil nicht mehr nur ein relativ kleiner, sich einig ergänzender Zirkel von Medienschaffenden über zentrale Botschaften und Anschauungen befinde, sondern nunmehr quasi jedermann, der fähig und willens sei, sich im Netz entsprechend zu präsentieren. Nach wie vor sei aber die Publikumsbreite, die von den herkömmlichen Massenmedien erreicht werden könne, monopolartig groß.

"Massenmedien und Staatsauftrag" von Prof. D. Thoma, 2016

„Massenmedien und Staatsauftrag“ von Prof. D. Thoma, 2016 (Bild: Broschüre „Luipold II“)

Die Adaptionsbereitschaft des Publikums, so Philosoph Thoma, sei für Machteliten immer schon verlockend gewesen und auch immer schon hemmungslos ausgenutzt worden, indem politische Botschaften einseitig und  unreflektiert unter das Volk gebracht worden seien. Kriegs- und Konfliktpropaganda lieferten dafür die Evidenz.

Doch damit nicht genug. Bejahe man eine solche umfassende, ja geradezu enorme Wirkung von Medien auf eine Gesellschaft, dann müsse man, so Thomas Schlußfolgerung, auch eine Medienlandschaft, die nicht plural, sondern eindimensional ausgerichtet ist, mehr als nur als ein Ärgernis begreifen. Dann werde die faktische Macht dieser Medien, wenn sie unfair, einseitig und voreingenommen ausgeübt wird, mißbraucht. Und dieser Machtmißbrauch schade, wie jeder unbotmäßige Umgang mit Machtstrukturen, denen, die keinen Zugang zu ihnen haben. Dadurch entstünde eine Gegnerschaft, die über den gewöhnlichen Widerstreit von Interessen und Idealen hinausgehe, weil dies ein Kampf mit ungleichen Waffen sei. Wer die Macht besitzt und mißbräuchlich ausnutze, den gesellschaftlichen Diskurs maßgeblich zu bestimmen, der sei immer gegenüber dem im Vorteil, der diese Möglichkeiten nicht habe. Im »geistigen Bürgerkrieg«, so der Sozialphilosoph zugespitzt, nähmen »Medienmächtige die Rolle von Kombattanten ein« – und dürften dementsprechend auch als »organisierte gegnerische Kräfte« angesprochen werden.

Professor Thoma verkennt nicht, dass es zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medien einen Unterschied gibt. Während die Privatunternehmen frei entscheiden können sollten, ob sie einseitig und parteiisch publizieren, bestünde für öffentlich-rechtliche Medien ein besonderes Gebot der Objektivität – dem sie derzeit aber nicht einmal ansatzweise nachkämen und sich daher »treuwidrig« gegenüber dem Vermögen verhielten, das ihnen der Souverän (das Volk) an die Hand gegeben habe. Aber auch private Medien dürften nicht grenzenlos senden und schreiben was sie wollten, sofern ihre Wirkungsmacht – wie etwa bei den Medienkonzernen Bertelsmann und Springer – eine quasi monopolartige Stellung ausmache. Dann dürfe der Staat reglementierend eingreifen, um einen Mißbrauch der Medienmacht zu verhindern.

Thomas Fazit: Er warb für die Etablierung eines Mediengesetzes, das die Auswüchse willkürlichen Gebrauchs von Massenmedien eindämme. Öffentlich-rechtlich Medienschaffende seien per Gesetz zu verpflichten, Objektivität walten zu lassen. Die Verbreitung einseitiger Nachrichten in Massenmedien sei ein Akt wider die Volkssouveränität und müsse Sanktionen nach sich ziehen. Denn die Rundfunkressourcen eines Staates gehörten nicht einseitig nur einer politischen Richtung, sondern seien Allgemeingut.

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Professor Dr. Dr. h.c. mult. Dieter W. Thoma

Vortrag »Massenmedien und Staatsauftrag«

Bodensee-Reihe „Luipold I – III“

Broschüre „2016“, S. 223 – 242

496 S., farb. Schutzgebühr 20.- EUR

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