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L’Art pour L’art

Von CO am 5. Januar 2016

An Til Schweiger scheiden sich die Geister.

HAMBURG (nmj) – Privat ist er sicherlich ein sehr von sich eingenommener Mensch; der große »Mister Hollywood«, »Deutschlands erfolgreichster Filmemacher«, wie er über sich selbst im Spiegel sagt. Til Schweiger (50) gehört in der Tat – in Anbetracht dessen, was Deutschland in dieser Hinsicht aufzubieten hat – zu den ganz Großen. Und auch das ist eine Rolle, die gespielt werden möchte. Zu ihr gehört es, die Distanz zum Publikum in jeder Lage zu betonen. Nichts ist desillusionierender als der Held von der Leinwand, der sich mit den gewöhnlichen Leuten gemein macht. Darum geht der Schauspieler auch kaum einer Gelegenheit aus dem Weg, den kernigen Draufgänger zu mimen – auch jenseits jeder Vorgabe aus einem Drehbuch. Im Sommer hatte Schweiger eine solche Gelegenheit in politischem Zusammenhang für sich entdeckt. Nach seinem Geschmack zu scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik parierte er auf seiner Facebook-Seite mit der Erwiderung, jenes »empathielose Pack« solle sich von seiner Seite verziehen. Der daraufhin losgebrochene shitstorm war nichts im Vergleich zu der Lobhudelei und Begeisterung, die seine scharfzüngige Zurechtweisung in den linksliberalen Kreisen von Medien und Kulturpolitik hervorrief – Preise und Ehreneinladungen inklusive.

Til Schweiger als "Nick Tschiller" (l.) mit seinem Widersacher "Firad Astan" (Erdal Yildiz, re.) im "Tatort" (Bild: ARD)

Til Schweiger als „Nick Tschiller“ (l.) mit seinem Widersacher „Firad Astan“ (Erdal Yildiz, re.) im „Tatort“ (Bild: ARD)

Dabei war auch dieser Vorgang nichts weiter als die gewohnte Distanzierung, die Absetzbewegung von irgendeiner Form von Vereinnahmung. In diesem Fall eine Distanzierung von sich selbst, besser gesagt von seinem Alter Ego, Nick Tschiller, Kriminalhauptkommissar beim Hamburger LKA, dessen Rollenhabitus ein gewisses Unwohlsein im Anbetracht des von ausländischen Familienclans beherrschten Drogen- und Prostitutionsmilieu rund um den Kiez mitsichbringt; der einsame Kampf gegen seinen kurdisch-archaischen Widerpart (»Firat Astan«) hätte leicht mißverstanden werden können. So, als verbinde der Erfolgsproduzent und —darsteller  Til Schweiger sein berufliches Engagement womöglich mit ernsthafter Kritik an einer Gesellschaft, die hysterisch reagiert, wenn schon ein unbedachtes Wort gegenüber »ausländischen Mitbürgern« fällt, die aber für die Gewalt- und Drogenkriminalität, die in Metropolen wie Hamburg fest in arabischer Hand liegen, nur ein Schulterzucken übrig hat.

Dem galt es zu entfliehen. Ein Til Schweiger lässt sich nicht in eine Schublade packen. Das hat er schon als »Lindenstraße«-Darsteller nicht gewollt, das will er auch jetzt nicht. Erst recht nicht des zweifelhaften Applauses wegen, den er von »rechts« erhalten könnte. Sowas tut einer internationalen Karriere nicht gut. In Deutschland  ist es sogar das berufliche Todesurteil. Und da er als Filmproduzent möglicherweise auch im Dickicht der zahlreichen Filmförderungsfonds antichambrieren muss, die alle irgendwie mit öffentlich-rechtlichen, also politischen Ebenen verknüpft sind, ist es so gar nicht angeraten, auch nur den Verdacht aufkommen zu lassen, ein wenig von der multikulturellen Skepsis eines Nick Tschillers stecke auch in seinem Leihkörper Til Schweiger.

Spätestens nach dem Sommer-shitstorm war auch dem letzten verbeamteten Budget-Genehmiger klar, dass Til Schweiger auf der richtigen Seite steht. Sein als Trotzreaktion angekündigtes, verstärktes Engagement für Flüchtlinge bediente nicht nur die Erwartungen der medialen Liberalala-Gesellschaft, es sicherte ihm auch die fortwährenden Attacken der Abseits-Individuen, jenes »Packs« (S. Gabriel) das man völlig folgenlos zur Paria erklären kann, ohne wirklich etwas befürchten zu müssen. Wieviel von der öffentlichen Figur Til Schweiger in der wahren Person steckt, kann man natürlich nur vermuten. Aber seine öffentlichen Äußerungen lassen es zumindest naheliegend erscheinen, dass es gar keine politische Haltung, keine große soziale Überzeugung ist, die ihn im Eigentlichen antreibt. Zuviel Selbstbezogenheit, Eitelkeit, ja Diven-Attitüde ist es, die der Annahme widersprechen, Til Schweiger gehe es um etwas anderes als nur Til Schweiger. Kostprobe gefällig? Ich, Til Schweiger, liess er zuletzt verlauten, habe als »Filmemacher/Schauspieler/Produzent/Writer/Cutter/Composer« viel mehr auf dem Kasten als die meisten »Trottel«, die nur darüber schreiben. So etwas als öffentliche Person öffentlich zu bekunden hätte, wenn nicht das Selbstverliebte so deutlich im Vordergrund stünde, wahrhaft etwas Mutiges ansich. Auch die Chuzpe, ohne Rücksicht auf einen Standesdünkel sogar »Tatort«-Kollegen die Meinung zu sagen, kann der ihm Zustimmende nicht anders als mit Hochstimmung aufnehmen. Und ihm in Feststellungen wie der Folgenden beipflichten: »Andere verschwenden das Budget für zwei moppelige Kommissare, die ne Currywurst verspeisen oder ein Bier vor einem bayerischen Imbiss zocken«. Bravo! Dass in seinem »Tatort« dagegen »Non Stop Action« herrsche, wo bei anderen in den 90 Minuten Sendezeit »meistens dummes Zeug gelabert wird«, ist einfach eine Einschätzung, die man nicht deswegen in Bausch und Bogen verdammen kann, weil sie von Til Schweiger stammt.

Fest steht: Der Facettenreichtum, der sich mit der Figur Schweiger verbindet, hat auf jeden Fall Anspruch auf künstlerisches Gehör. Möchte man ihm wegen der Oberflächlich-, ja Durchsichtigkeit seiner politischen Kommentare auch am liebsten mit der »Mute«-Taste begegnen, verlangt doch die künstlerische Unbestechlichkeit (»L’Art pour L‘art«) die für ein ganzes Genre Beachtung und Aussagekraft entfaltende Betätigung Schweigers/Tschillers anzuerkennen. Die Panzerfaust in das behäbig-schaurige, sonntägliche »Tatort«-Habitat implementiert zu haben, und sein nun sogar verfolgter Ansatz, Figur und Format aus der drögen Wohnzimmer-Einöde audienzieller Bourgeoisie herauszulösen und in das cineastische Universum tragen zu wollen, ist alles andere als gewöhnlich.

Um die kulturelle Ungeheuerlichkeit zu erfassen, die im besten künstlerischen Sinne aufzurütteln imstande ist, bietet sich ein Vergleich an mit jenen kaputten, nur Schwermut erzeugenden Kommissar-Figuren anderer Provenienz, die – vielleicht mit Ausnahme der Münsteraner Darsteller, die aber ihrerseits eher Neues kreiert, als Bestehendes konserviert haben – nur ausschließlich den inneren Facetten komplexer Persönlichkeitsstörungen eine Abwechslung zu verleihen imstande sind. Kein Psychopath kann so abartig veranlagt sein, als dass er es in der »Tatort«–Reihe nicht noch zum Ermittler brächte, möchte man meinen. Dass über all den seelischen Abgründen dann auch stets die durch politische Einfaltspinselei und Selbstverachtung getrübte Atmosphäre einer nationalen Tristesse schwebt, ist dann zwar konsequent, aber nicht weniger abstoßend; auch hier ist es der Hamburger »Tatort«, der ausbricht aus jener nur in dunklen Kammern von dunklen Gemütern ersonnen zu sein könnenden Apokalypse der Verwerfung von Mensch und Heimat deutschen Ursprungs.

Dass Schweiger auch davon sich zu distanzieren sucht, mag seinem generellen Habitus geschuldet sein. Es wäre aber nicht nur unfair, sondern auch eine Korrumpierung der Ästhetik, das, was damit (jedenfalls in diesem Zusammenhang) einhergeht, nur deshalb niederzumachen, weil es die richtige – ästhetische – Antwort in einem anderen Zusammenhang ist. Dort, wo der »Filmemacher/Schauspieler/Produzent/Writer/Cutter/Composer« reüssiert, soll ihm die Kritik das auch zugestehen; so, wie sie ihn verdammen soll, wo der »Politiker/Zyniker/Ignorant/Selbstdarsteller/Elitäre/Größenwahnsinnige« fehlt.

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