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»Geständnis eines angekündigten Verbrechens«

Von kr am 5. November 2016

Die aktuelle Buchkritik.

Düster – so lässt sich das neue Werk von Lundgren-Preisträger (1992) Viktor Ruskinski in ein Wort fassen. Entsprechend wirkt auch schon die Umschlaggestaltung. Wer Neigung verspürt, sich an kalten Spätherbst- oder Winterabenden in der Behaglichkeit seiner vier Wände in die Lebenswelt von Carsten Orsoy zu versetzen – dem Protagonisten –, wird bald von einem Schauer erfasst, der solchen durch Horrorfiktionen ausgelösten nicht unähnlich ist.

Viktor Ruskinski "Geständnis eines angekündigten Verbrechens", München 2016 (Bild: Amigo-Verlag)

Viktor Ruskinski „Geständnis eines angekündigten Verbrechens“, München 2016 (Bild: Amigo-Verlag)

Orsoy ist ein im Grund lebensfroher, angenehmer Zeitgenosse mit viel Empathievermögen. Er ist nicht gestrauchelt im Leben. Er hat Familie, zwei Kinder, ist in der Nachbarschaft und seinem Beruf angesehen und neigt nicht zu Eskapaden. Dass er dem Leser nun ein Geständnis macht, in dem er ankündigt, ein Verbrechen begehen zu wollen, hängt mit einem erst auf den zweiten Blick erkennbaren, tiefen Pessimismus zusammen, den er mit Blick auf die Veränderungen in der Gesellschaft empfindet. Vor allem der Zuzug von arabischstämmigen Bewohnern in seinem Wohnviertel löst bei Orsoy zunächst Beklemmung, dann Angst, schließlich nackte Panik aus. Mehr und mehr ist Orsoy davon überzeugt, dass er oder seine Familie früher oder später zum Opfer werden. Zum Opfer eines »archaischen Menschenschlages«, dem er und die übrigen Einheimischen nichts mehr entgegen zu setzen hätten. Er skizziert es irgendwann nicht mehr als Möglichkeit, sondern als feststehende Tatsache, dass es zum Konflikt kommen wird. Und dass sich irgendeine sich nur im Nebel seiner Vorahnungen ankündigende Untat auf sein Leben legen wird. An jenem Tag »dem Tag, wenn mein und das Leben aller ihre Unschuld verlieren«, so gesteht er, wird auch er die »Fassade bürgerlicher Selbsttäuschung aufsprengen« und auf die »primitiven Ur-Instinkte Rückgriff nehmen«, wobei er sich zum Ziel der dann auszulebenden Aggression jene setzt, denen er die Verantwortung für diese noch unklare Katastrophe in seinem Leben zuschreibt.

Als »Hauptakteure meines Unheils« identifiziert Orsoy dabei nicht den oder die unmittelbaren Täter, die er nur als »degenerierte, simple Gemüter ohne Reflexionskapazität« beschreibt, sondern jene, die ihm seine vertraute Welt mit all ihren »vermeintlichen Sicherheiten und sozialen Notbremsen« zerstörten. Die Massenzuwanderung aus dem afrikanischen/arabischen Raum »präsentieren sozialen Sprengstoff, während die Sprengmeister, selbst gut gesichert hinter undurchdringlichen Mauern« dem einfachen Menschen zumuteten, mit den entsprechenden Herausforderungen klarzukommen.  Wenn es dann zum Äußersten komme, läge, so Orsoy, die »unmittelbare Täterschaft« bei diesen »Sozialingenieuren«, die »mich ungefragt zum Probanden ihres Gesellschaftsexperiments« gemacht hätten. Und »je nach Schwere des Nachteils, den man mich zu ertragen verdammt« würde dann die »unausweichliche, den mir erklärten Krieg auf seine Verursacher zurückfallen lassende Antwort« aussehen. Da Orsoy Politik und Medien als maßgebliche Weichensteller des Unheils betrachtet, das ihn ereilen werde, plant er, willkürlich Ziele aus diesem Personenkreis einer »der Tat entsprechenden Bestrafung« zu unterziehen – bis hin zur Liquidation von Menschen, die er für in seinem Sinne »schuldig« hält. Nächtelang fabriziert Orsoy sodann »Anklageschriften« und verfertigt »Urteile« über infrage kommende Personen: Redakteure, Moderatoren, Herausgeber, Abgeordnete, Minister, politische Repräsentanten. Sie alle sind schuldig, nur ihr Strafmaß ist noch offen. Sie verschwören sich in Orsoys Augen zu einem »Verbrechen gegen den Frieden in meiner Welt«, was als logische Konsequenz zur Folge haben müsse, dass sie auch »aus meiner Welt heraus zur Verantwortung gezogen« würden.

Der Leser jedenfalls schwankt in seinen Empfindungen. Einerseits kann er die Ängste und Beklemmungen des braven Bürgers in der heutigen Gegenwart gut nachvollziehen. Zuwanderer aus unterentwickelten Kulturen stellen die Einheimischen immer wieder auf die Geduldsprobe. Kriminelle Auswüchse, vor allem Gewalt- und Sexualstraftaten zerstören die dünne Firnis der gesellschaftlichen Toleranz, während Politik und Medien alles daran setzen, solche Erscheinungen als »Einzelfälle« zu verharmlosen oder zu verschweigen. Wo Orsoy aber seine Exekutionspläne en detail ausheckt, sich etwa den leitenden Redakteur des Politikressorts einer großen Zeitung als konkretes Opfer ausguckt, ihm nachstellt, seine Gewohnheiten studiert und dabei zwangsläufig auf den Menschen stößt, der so gar nicht dem Bild eines üblen Täters entspricht, der unbedingt eliminiert gehört, verblasst das Verständnis für die beabsichtigte »Vergeltung«. Immer klarer wird dann auch, dass die Gesamtverantwortung für jenen Schicksalsschlag, der noch gar nicht eingetroffen ist und der womöglich auch nie eintreffen wird, sich nicht, jedenfalls nicht allein an demjenigen festmachen lässt, der konkret büßen soll. Es folgt eine innere Zerrissenheit des Hauptdarstellers, die am Ende offen lässt, ob er die »Strafexpedition« wirklich ausführt oder die Kollektivverantwortung als individuellen Entschuldigungstatbestand gelten lässt. Aber man ahnt, dass ein Unheil, das ihn überkäme, dieser letzten Entscheidung eine dramatische Wende geben könnte, sodass sich das »Geständnis« letztlich als Mahnung an die Schicksalsmächte verstehen lässt, die Probe nichts aufs Exempel zu stellen.

Fazit: Eine philosophische Auseinandersetzung zum Thema Schuld und Sühne, spannend verpackt durch den Einblick in die inneren Unruhen eines ganz normalen Zeitgenossens, der das allgemeine Lebensrisiko zur Angstvorstellung steigert, sich aber nicht mit der (sei es auch nur theoretischen) Opferrolle abfinden will.

 

Werner Kurzner

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Viktor Ruskinski

»Geständnis eines angekündigten Verbrechens«

Amigo-Verlag, 2016, 246 S., € 17,99 UvPE

ISBN: 3866113528

 

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