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Doktor Schröders Tröglitz

Von DS am 7. April 2015

Lothar Schröder ist leitender Kulturredakteur der Rheinischen Post. In seinem heutigen Leitartikel zeigt er trotzdem einen Hang zur Unästhetik.

DÜSSELDORF (nmj) – Menschen mit herausragender Stellung in Medien und Politik neigen gerne dazu, in blasierter Herablassung den verbalen Scharfrichter zu geben, wobei das Objekt ihrer Dekapitation öfter mal nicht ein einzelner, sondern gleich die Masse, das Volk, die Gesellschaft schlechthin ist. Auch RP-Kolumnist Lothar Schröder kann in seinem heutigen Leitartikel nicht davon lassen, die Klaviatur der Kollektivanklage zu bedienen, um die Wucht seiner Botschaft um ein Vielfaches zu potenzieren. Der Anlass? Eine eher unspektakuläre Provinzposse um einen zurückgetretenen Feierabend-Bürgermeister, der sich einer (zugegeben unappetitlichen) Gesellschaft von Protestlern gegenübersah, die gegen die Asylpolitik aufbegehrten. Aufgestachelt durch einen Medienhype, der, wie immer, auch den Narrensaum einer Gesellschaft anzieht, ist jenes Örtchen namens Tröglitz mittlerweile zum Mittelpunkt allseitigen Interesses geworden – nicht zuletzt dadurch, dass der Dachstuhl eines Wohngebäudes in Brand gesteckt wurde, in das Asylbewerber einziehen sollten. So weit, so abstoßend. Nicht weniger abstoßend ist aber die Genugtuung, mit der diverse Kommentatoren nun ihrer tief verwurzelten Aversion gegen die Gesellschaft Ausdruck verleihen. Wie Lothar Schröder. Der fragt sogleich, was »unsere tadellose Haltung« denn bisher »gebracht hat?«, nicht anerkennend, dass diese, »unsere tadellose Haltung« im allgemeinen und im Umgang mit Flüchtlingen im Besonderen, zunächst einmal ein Wert an sich ist, den es zu würdigen, statt aus verhältnismäßig nichtigem Anlaß in Zweifel zu ziehen gälte. Auch fragt Schröder, wann denn »Rechtsextreme endlich Nazis genannt werden und Attentate auch Pogrome?«, vollends die journalistische Contenance verlierend. Dass Rechtsextreme und sogar weniger Extreme, auch Rechte allgemein (inklusive Rechtsliberale) immer wieder als Nazis betitelt werden, scheint sich bis zu Herrn Schröder noch nicht herumgesprochen zu haben. Und ist man wirklich noch auf der richtigen Spur, wenn man Vorfälle aufbauscht, die zwar furchtbar und unerträglich sind, insgesamt aber weit unterhalb dessen anzusiedeln sind, was den Begriff eines Pogroms rechtfertigt? Schröder aber ist jetzt in Rage. »In Tröglitz«, so der RP-Kulturmensch, »reißt nicht nur eine bis dahin schweigende Minderheit plötzlich ihr Maul auf«, nein, das sei vielmehr »eine Fortsetzung unserer Geschichte«, dieses Tröglitz daher auch »unser Tröglitz«.

Ausgebranntes Dach in Tröglitz (Bild: Ringleb Mediendienste)

Ausgebranntes Dach in Tröglitz (Bild: Ringleb Mediendienste)

Junge, Junge, da ist dem Schreiber aber die Widerstands-Attitüde ganz schön flott aus der Feder geflossen. Eine »Fortsetzung unserer Geschichte«! Wie muss man das lesen? Verdun, Auschwitz, Tröglitz? Empfinden Menschen, die sowas schreiben, eigentlich ein Bedauern darüber, dass noch niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist? Würde ihr »die-Nazis-sind-noch-immer-da«-Geheul nicht viel wirkungsvoller sein, wenn sie es mit ein paar Leichen unterlegen könnten?

Es ist schlicht und ergreifend ekelhaft, was die Schröders dieser Republik derzeit wieder einmal veranstalten.  Eine Unverschämtheit ist es sowieso, das ganze Land in Geiselhaft zu nehmen für die eindimensionale Haltung einiger weniger, denen es an Manieren und politischem Anstand fehlen mag, die aber, sofern sie gewaltfrei auftreten, nicht weniger das Recht haben, sich zu äußern. Es ist auch nicht so, dass die Medienlandschaft generell unfähig wäre, zwischen den Chaoten und Extremisten einerseits und den friedlichen Demonstranten andererseits zu differenzieren. Diese Fähigkeit zeigt die mediale Elite regelmäßig bei linken Demonstrationen, wo ja auch sorgsam unterschieden wird zwischen diesen und jenen.

Man muss es hier also gleich mal richtigstellen (weil ja auch die Presse im Ausland stets begierig derartiges aufgreift, wenn es von deutschen Medien so in die Welt gesetzt wird): Tröglitz ist nicht die »Fortsetzung unserer Geschichte«, es ist nichteinmal der Wurmfortsatz derselben. Es ist nicht »unser Tröglitz«, es ist (mit einigen anderen) ausschließlich Doktor Schröders Tröglitz. Und das ist doch wohl schlimm genug.

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