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Der nicht nachlassende Schmerz

Von DS am 4. November 2015

Die Vorstellung des Sparkassen-Kunstkalenders 2016 geriet zur ästhetischen Farce.

KAARST (nmj) – Einmal im Jahr bittet die Sparkassenstiftung Kaarst-Büttgen dasjenige, was sie als kunstverständiges Publikum erachtet, zur Generalaudienz mit gleichsam zu erteilender Absolution für all die furchtbaren Dinge, die man freilich nur einer kulturell dehydrierten Landbevölkerung als »Kunst« anzudrehen vermag, ohne die Befürchtung hegen zu müssen, wegen der Obszönität des Ergebnisses zum Sujet eines ausgeprägten Lynchmordverlangens zu werden. Soweit das Positive.

Großer Andrang der nach Kultur Hungernden und mit dem Durchschnitt Gesättigten.

Großer Andrang der nach Kultur Hungernden und mit dem Durchschnitt Gesättigten.

Dass man aber – unentrinnbar konfrontiert mit der Auswahl, die es letztendlich unter dem völlig unsinnigen, ja dreisten Motto »Sprache der Symbole« zur Aufnahme in den Kalender geschafft hat -, unvermittelte Traurigkeit der Seele empfindet, kann nicht nur als ein Stolpern an der Hürde des Schöngeistigen entschuldigt werden, sondern muss, wegen der Plumpheit und Unverfrorenheit, mit der das passiert, schon als vorsätzlicher, mithin sadistisch inspirierter Wille zur Negation von schon konventionellen Grundlagen minimalistischer Kunstauffassung angeprangert werden.

Schon das Januar-Motiv (Groh, »Morpheus VII«) aus der nur suizidale Endzeitstimmung verbreitenden Triologie, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen dessen, was eine zu übelstem Angriff auf das Gemüt entschlossene Kunst mittels angewandter Kakophonie der Ästhetik anrichten kann. Es ist danach schon gar nicht mehr möglich, unbefangen an die anderen Motive heranzugehen, weil nach dem Betrachten der ersten Auswahl der dumpfe Gong  im Hinterkopf einfach nicht verstummen will; Gehen müsste man an dieser Stelle und jede weitere Betrachtung oder gar Konversation rüde zurückweisen, weil, wer derartiges präsentiert, gar laudatiert, nicht mehr im Mindesten gutwillig sein kann. Das quallenartige Wolkengebilde vor der tiefschwarzen Ungewissheit ist es jedenfalls nicht, das zu freudigem Verbleib einlädt.

Düsteres Wolkengebilde vor dem schwarzen Nichts.

Düsteres Wolkengebilde vor dem schwarzen Nichts.

Die Triologie der Tristesse.

Die Triologie der Tristesse.

Der Februar wirkt dann auch wie der von Panik getriebene Versuch, den Mißgriff des Vormonats heilen zu wollen, und Ulrich Fritsch – überhaupt einer der wenigen Lichtblicke in der halbgaren Kulisse sich an Kunst versuchender Provinzialität –, bietet dafür nicht nur einen versöhnenden Ansatz, sondern offeriert mit der gelungenen Verbindung von Form und Unform, arrangiert auf lichtem Hintergrund, jene Expressionalität die selbst dann noch zu einer Buntheit vor dem geistigen Auge einladen würde, wenn der Künstler ein Schwarzweiß-Motiv gewählt hätte.

Erfrischendes von Fritsch

Erfrischendes von Fritsch

Was den März mit seinem hier vorliegenden Kalenderbild verbindet (Verbeek, »Entstehung von Wasser«) kann sich dagegen nur in der ästhetischen Kategorie von mechanisierter Mustererzeugung erschließen; es ist nicht der fehlende Fleiß an der Strukturetablierung, aber doch die Irritation durch ihren nichtssagenden Verlauf, der inneren Protest erzeugt, gerade noch sinnstiftend in Verbindung mit der Titelgebung, aber auch insofern völlig aus dem Rahmen des Themas fallend.

"Entstehung von Wasser" oder von Grauen?

„Entstehung von Wasser“ oder von Grauen?

Ganz anders im April (Pferdmenges, »Über den Dingen«), dessen Monatsbild eine komplexe Symbiose aus Titelgebung, Rahmensetzung und Darstellungsintensität zur Sinnerforschung bietet. Hier wütet ein Künstler aus dem Innern gegebenen Schaffensdrangs in Korrespondenz mit Anmut und Aussageinhalt, die selbst noch einer unendlichen Anzahl von bereits präsentierten Ausdrücken des Kreuzsysmbols eine ganz eigene Größe hinzuzufügen imstande ist.

Symbolkräftig mit neuem Ansatz.

Symbolkräftig mit neuem Ansatz.

Eher zu gering taxiert.

Eher zu gering taxiert.

Spätestens aber im Mai (Jusczyk, »Symbole ihrer Zeit – Bauten II) reißt einem der Geduldsfaden anbeträchtlich der an Folter erinnernden Bruchbereitschaft jeder Erschließungstiefe zwischen Naivem und Erfassbarem; wo das kesse Aufmerksamkeitsverlangen noch, wenigstens  in Teilen, die Substanzlosigkeit zu heilen vermag, erzürnt aber die Verballhornung des Gegenständlichen zugunsten einer schreiend abstrakten Passepartouierung nur noch über alle Maßen.

Ende der Geduld mit den "Symbolen einer Stadt - Bauten III"

Ende der Geduld mit den „Symbole ihrer Zeit – Bauten II“

Kein Wunder, dass die Zusammensteller im Juni-Motiv (Linnemeier, »Um mein weißes Haus wehen blaue Träume«), zweifellos erschreckt durch die Chuzpe bei der zuvorigen Auswahl, Zuflucht zum eher sicheren Terrain von Warmem und Versöhnlichem nehmen; die fließenden Grenzen sind dabei wohl als Entschuldigung gedacht, wenn auch völlig mißverstanden worden, da die blutigen Einsprengsel der jeweiligen Objektperipherien nicht als Ermunterung für Grenzüberschreitendes, sondern als dessen brutale Niederschlagung figurieren.

Blaue Träume oder blutige Phantasien?

Blaue Träume oder blutige Phantasien?

Die eigentliche Entsetzlichkeit hat man sich jedoch für den Juli (Engelskirchen, »Zart und hart«) aufgespart, dessen Bildgegenstände nicht einmal Ansätze von Eigenem enthalten, wobei man sich nicht entscheiden kann, ob Anordnung oder Titelgebung der erste Anspruch auf Abstoßcharakter zufällt; hier entfaltet sich geradezu Boshaftigkeit, wie sie nur in den (den Wahnsinn befördernden) Zellengrafiken von Irrenanstalten Applausfähigkeit begründet.

Ohne eigene Botschaft, lapidar dahingesetzt.

Ohne eigene Botschaft, lapidar dahingesetzt.

Im August dann zeigt selbst der per Saldo mißratene Kunstkalender ein Stück soliden Kunsthandwerks (Büschgens, »sonniges Gemüt«), das durch die deutliche Eingrenzung des Schattigen und der Verschiedenartigkeit der sonnigen Töne in einem Referenzrahmen farbiger und förmlicher Pluralität eine nicht zu leugnende Lebensbejahung ausstrahlt, und damit eher als Kalendertitel prädestiniert gewesen wäre, was den Betrachter (zumindest insoweit) milder gestimmt hätte.

"Sonniges Gemüt" von Klaus Büschgens

„Sonniges Gemüt“ von Klaus Büschgens

Preise sagen wenig aus in der wahren Kunst.

Preise sagen wenig aus in der wahren Kunst.

Im September (Ringes-Schages, »Auf dem Wege«) verfliegt die aufgekommene Sympathie jedoch wieder flugs durch die Präsentation der Unentschlossenheit und die spürbare Lustlosigkeit, dem zu Zeigenden mit Unmißverständlichkeit etwas im Sinne des Bildtitels mit auf den Weg zu geben, es sei denn, diese Mitgift bestünde in Ratlosigkeit und Redundanz.

"Auf dem Wege" - in den Kulturnihilismus?

„Auf dem Wege“ – in den Kulturnihilismus?

Auch das Oktober-Blatt (Wollersheim, »Ohne Titel«) gefällt sich in der baren Botschaftslosigkeit, die hier zwar nicht gänzlich interpretationsunfähig auftritt, wohl aber ziellos überfrachtet, also in dem Kontrast sinnlos/zuviel Sinn versinkt und als Spontaneingebung folgerichtig die Frage aufkommen lässt, ob sich eine der abgebildeten Spiegelscherben nicht hervorragend dafür eignet, sich die Pulsadern zu öffnen, um Ablaß zu schaffen bei der aufkommenden Wallung des Blutes.

Es gibt Bilder, für die  man sterben möchte; und solche, die selbst zum Töten animieren.

Es gibt Bilder, für die man sterben möchte; und solche, die selbst zum Töten animieren.

Vom November (Fern, »Burn Out III«) nur soviel: Der Titel verrät bereits den Kern der Insuffizienz und man erahnt – als Ehrenrettung des Künstlers – die tiefe Lebenslangeweile durch die im Wachs einer Kerze ertränkten Zündhölzer.

Streichholz-Verbrennung als Ausdruck von Lebenslangeweile.

Streichholz-Verbrennung als Ausdruck von Lebenslangeweile.

Als System- und Künstlerversagen klagt denn auch zum Abschluß das Dezember-Motiv (Plohs, »Sehn-Sucht«) an; die Einstiegstiefe in den Interpretationsrahmen ist hierbei von solcher Seichtigkeit, dass die einzige Verbindung zum Kunstgeschehen an diesem Abend die über den Köpfen der Kunstgesellschaft – und wie zur Verhöhnung derselben – installierte Laternenreihe aus naiver Kinderhand gesehen werden mag.

Dezember-Motiv: System- und Künstlerversagen?

Dezember-Motiv: System- und Künstlerversagen?

Wie zur Verhöhnung des Publikums...

Wie zur Verhöhnung des Publikums…

...die Lampions aus Kinderhand über den Köpfen der Besucher.

…die Lampions aus Kinderhand über den Köpfen der Besucher.

Fazit:

Der nicht nachlassende Schmerz im Anbetracht des Servierten ist am Ende die ehrlichste Empfindung, die das Recht auf Mitnahme behaupten kann. Kaum ein Wunder auch, dass die besten Werke es nicht in den Kunstkalender geschafft haben, hier zum Beispiel:

Erscheint nicht im Kalender: "Das Geheimnis einer Mauer" von Ulrich Fritsch

Erscheint nicht im Kalender: „Das Geheimnis einer Mauer“ von Ulrich Fritsch…

...ebensowenig wie "Die Frau im Schatten" desselben Künstlers.

…ebensowenig wie „Die Frau im Schatten“ desselben Künstlers.

Und – erneut aus streng gehüteter, anonymer künstlerischer Quelle – ein Werk, das mit einem Verkaufspreis von sage und schreibe 44.000.- EUR – wohl eher in die Kategorie »unverkäuflich« gehört hätte, wobei zu konstatieren ist, dass dieser Preis aufgrund der Wuchtigkeit kulturästhetischer Aussagekraft, die mit einer fulminaten Farbgebung im Kontext mit der Realitäts-Asymmetrie eine existenzielle Symbiose eingeht, eher zu gering angesetzt sein würde.

Werk eines anonymen Künstlers: Zum Verkauf angeboten für 46.000.- EUR

Werk eines anonymen Künstlers: Zum Verkauf angeboten für 44.000.- EUR

 

  1. holzbuettgener

    22. November 2015 at 13:57

    In irgend so einem stinkigen Drexblatt habe ich einen Verriß dieser hervorragenden Kunstkritik gesehen.Das war der blanke Neid,der dem „Autor“ da aus der Tastatur floß.Man kann ihn sich bildlich vorstellen.Wahrscheinlich so ein freak wie aus dem Hollywood-Klischee:Vor dem PC fett geworden,mit perversen Gelüsten und abgrundtief schlecht.Ungepflegt und voller Selbsthaß schon seit Jahren innerlich zerrissen.Dieser Anti-Ästhet muss ja das ganze NMJ wie eine permanente Anklage gegen sich empfinden,ist es doch voller Schönheit,ansprechend,politisch und kulturell auf der Höhe der Zeit.Weiter so! Den Haß der Degenerierten muss man sich schließlich auch erstmal erarbeiten! Bravo!

  2. senit1

    25. November 2015 at 14:28

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