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Das Übel von gestern

Von DS am 16. August 2016

Nachruf auf den »DDR«-Schriftsteller Hermann Kant.

BERLIN (nmj) – Ja gewiss, Schriftsteller war er auch. Dem Vernehmen nach sogar begabt. So begabt, dass sein Werk »Die Aula« es nach 1965 sogar in den westdeutschen Schulunterricht schaffte, so begabt, dass der langjährige »Literaturpapst« Marcel Reich-Ranicki ihm bescheinigte, ein »ganz großer Könner« zu sein. Für einen »DDR«-Schriftsteller schon eine bemerkenswerte Anerkennung zu einer Zeit, als der Klassenkampf die richtige Haltung vor der richtigen Eignung beäugte. Hermann Kant, der dieser Tage im 91. Lebensjahr verstorbene Autor, beließ es zeitlebens aber nicht dabei, die vermeintlich »richtige Haltung« zu pflegen; er war auch immer Aktivist im Sinne des von ihm als richtig und wahr Erkannten. Das aber war nicht nur das Arrangement mit einem Unrechtsregime, wie es die SED-Diktatur eine darstellte, sondern vielmehr die ideologisch begründete Scharnierfunktion zwischen dem real existierenden Sozialismus und allem, was sich nur irgendwie zu seiner Rechtfertigung intellektuell bemühen ließ.

An der Humboldt-Universität übernahm Kant in den 1950er Jahren die Funktion des »Parteisekretärs« der Germanisten-Grundorganisation und wurde später Mitglied der Universitäts-Parteileitung. Zwischen 1974 und 1979 war er Mitglied der SED-Bezirksleitung Berlin, von 1981 bis 1990 SED-Abgeordneter der Volkskammer der »DDR«, 1986 bis 1989 Mitglied des ZK der SED. Bereits ab 1961 bespitzelte er den Schriftsteller Günter Grass. Seit 1990 gehörte er der PDS bzw. ihren Nachfolgeorganisationen an.

Was sich vor dem Hintergrund einer solchen Vita noch am ehesten für ihn einnehmen lässt, ist seine Aufrichtigkeit, mit der er diese Vita – vielleicht auch, weil es schlicht alternativlos war – einräumte. Die Dinge etwas differenzierter zu sehen, die Beweggründe zu beleuchten, die das eigene Handeln und Denken antrieben, war immer schon Ansatzpunkt für jene, die sich mit welcher Art von Fragwürdigem oder gar Verbrecherischem auch immer assoziiert hatten; Kant aber ist sein Resümee zugute zu halten, das er zog: »Es ändert nichts daran, dass ich absolut verquickt bin mit dem, was man begreift als ›DDR‹«. Das hat man von anderen schon larmoyanter vernommen.

Was gegen ihn spricht, ist, dass er den Schriftsteller-Club PEN 1992 verließ, just nachdem dieser für sich die Entscheidung getroffen hatte, einen Ehrenrat zur Selbstaufklärung einzusetzen und dass er, neben seiner fortgesetzten SED-Parteimitgliedschaft, auch zu verleugnen suchte, vom 5. März 1963 bis zum 9. April 1976 als »IM Martin« dem berüchtigten Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gedient zu haben. War es die Sorge, am Ende – trotz dem beachtlichen künstlerischen Wirken als Schriftsteller – auf eine zwielichtige politische Existenz reduziert zu werden? Die Sorge besteht zu Recht, denn – IM-Episode hin oder her – es spricht doch so vieles anderes aus seinem Leben dafür, dass er eben nicht »nur« der Literat war. Diese Schuld wiegt schwer. Noch heute verweigern sich Alt-SEDler drüben und westliche Sympathisanten hier der Erkenntnis, dass die »DDR« nicht nur ein Vasallenstaat einer Besatzungsmacht als Folge eines für Deutschland verlorenen Weltkrieges war; dass sich, was sich zunächst als Antwort auf die Verbrechen des NS-Regimes verstand, längst im Sinne einer Komplizenschaft »verkompliziert« hatte, nämlich mit dem Internationalen Kommunismus, dessen über 100 Millionen Vernichtungsopfer am Ende das Grauen des Nationalsozialismus weit in den Schatten stellen sollte.

"Der Schurke im Stück": "DDR"-Staatsautor Hermann Kant (1926 - 2016)

„Der Schurke im Stück“: „DDR“-Staatsautor Hermann Kant (1926 – 2016)

Gegen diese Einsicht verwehrte auch Hermann Kant sich bis zuletzt. Sowenig man aber um der zugrundeliegenden Ideologie Willen gute Nazis neben böse Nazis stellen kann, sowenig rechtfertigt irgendein human verstandener Ansatz der marxistischen Lehre das, was im Endeffekt dabei herumkam. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.

Wie geht man um mit jemandem, dessen Wirken als politischer Funktionär so verheerend war, dass man Verpflichtung verspürt, sein Wirken als Romanist und Essayist nie ohne das Übrige zu betrachten? Gerade in der heutigen Zeit, wo die deutsche Moralschickeria sogar Sanitäter und Köche im Greisenalter vor Gericht zerrt, wenn ihre NS-Dienstzeit sie an eine der Folterstätten des Regimes geführt hatte, wird man kein Zuviel an Gnade erweisen dürfen für ein ähnlich kleines Rädchen im Getriebe einer anderen großen Massenmordmaschinerie.

Ein zu hartes Urteil, mit zuwenig Licht für die schattigen Ecken der Facetten eines ganzen Lebens? Möglich. Aber nicht unverdient. Und Hermann Kant würde darauf wohl erwidern, es halt hinnehmen zu müssen, als »Übel von gestern«, als »Schurke im Stück« zu gelten, wie er nach Erscheinen seines »Abspann«-Werkes 1991 bemerkte. Da meinte er auch, es sei »einfach nett zu denken, ich wäre gar nicht mit dem gemeint, was mir zur Stunde nachgerufen wird«. Und das gilt im Zweifel dann wohl auch für diesen Nachruf.

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