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Zurück zum Miteinander

Von CO am 9. August 2016

Ein Anschluss-Beitrag auf den Essay von Tobias Jochheim in der »Rheinischen Post« vom 9. August.

DÜSSELDORF (nmj) – Man darf erstaunt sein. Nämlich darüber, dass die »Rheinische Post (RP)« heute an prominenter Stelle ihrer Ausgabe einem gedanklichen Ansatz Raum gibt, der sich – dazu noch zum Zeitpunkt näherrückender Wahltermine – abhebt von der üblichen Lagerbildung, die besonders auch die politische Sphäre prägt. Dass der Tenor des Essays von Tobias Jochheim der ist, auf die menschenverachtenden Provokationen und Scheußlichkeiten des sogenannten »Islamischen Staats (IS)« nicht mit einem Krieg gegen den Islam an sich zu reagieren, ist dabei nicht neu. Das hat man in der einen oder anderen Form auch schon von anderen vernommen, nicht zuletzt in der infantilen Variante einer Margot Käßmann, die den Terroristen generell »mit Liebe begegnen« will.

Auch Jochheim sympathisiert mit der Vorstellung, den vielfach befürchteten, von manchem gar schon ausgemachten »Krieg der Kulturen« durch eine Kultur der Einbeziehung und der Absage an Mobbing und Ausgrenzung ins Leere laufen zu lassen; Wo Menschen sich den Automatismen von Anschlag und Reaktion verweigern, ginge das Kalkül der Terroristen, unsere Welt in Chaos und Krieg zu stürzen, schlicht und ergreifend nicht auf.

Essay von Tobias Juchheim in der RP vom 09.08.2016 (Bild: Screenshot/Ringleb Net Images)

Essay von Tobias Jochheim in der RP vom 09.08.2016 (Bild: Screenshot/Ringleb Net Images)

Dass der RP-Autor diesen Moralansatz dann mit bloßen Zahlen belegen will, die Deutschlands Blutzoll relativieren, ist eine Schwäche des Beitrags. Denn auch Deutsche schauen inzwischen über den eigenen Tellerrand und fühlen sich keineswegs erleichtert durch die Tatsache, dass die richtig vielen Toten durch jüngsten Islamterror in Paris, Brüssel und Nizza und nicht in Würzburg, München oder Ansbach zu beklagen waren. Und dass es Muslime selbst sind, die regelmäßig die höchsten Opferzahlen – in Nigeria, in Afghanistan, im Irak – zu beklagen haben, ist schon gar kein Argument, das Beruhigung verströmt, auch wenn es für den Moment erleichternd wirken mag, dass diese Schauplätze weit weg sind von uns. Mit dem Hinweis, dass die Bluttat von München am 22. Juli »inzwischen als rechtsextrem motiviert« eingeschätzt werde – eine Einschätzung, die von den bayerischen Behörden keineswegs geteilt wird –, verrennt sich Tobias Jochheim zudem auf ein Terrain linksideologisch gespeister Verwirrungsabsicht.

Das Novum des RP-Beitrags liegt dann auch nicht in der Bewertung des entsetzlichen Geschehenen, als vielmehr in der Perspektive, wie unsere Gesellschaft sich für die Zukunft wappnen soll. Denn auch Jochheim erkennt, dass es auf die Herausforderungen des Terrors nur eine wirkliche Antwort geben kann, nämlich die gespaltene deutsche Gesellschaft zu einen. Zu diesem Zweck appelliert der Autor an »Anhänger von Grünen, CSU und AfD«, gemeinsam eine Lehre zu vertreten, sich nämlich »mehr denn je um Integration [zu] bemühen«. Die Teilhabe an der Gesellschaft sei der Schlüssel zur Überwindung von Perspektivlosigkeit; wo die Menschen mitgenommen werden, da separieren sie sich nicht, da bleiben sie immun gegen die Verlockungen derjenigen, die ihre Parolen in teuflischer Absicht verbreiten.

Einen Konsens herstellen zu wollen zwischen Grünen und AfD, erscheint zunächst einmal bestenfalls optimistisch. Dass die AfD mittlerweile – je nach Umfrage und Sujet – als drittstärkste oder gar zweitstärkste politische Kraft ausgewiesen wird, hat nicht gerade die Versöhnlichkeitsbereitschaft gestärkt – weder im originär linken Lager aus SPD, Grünen und Linken, noch im ursprünglich bürgerlichen Sektor bei Union und FDP. Parteipolitisch ist man über einen allseitigen Beißreflex gegenüber der AfD jedenfalls noch nicht hinausgekommen. Sich dennoch – wie RP-Essayist Tobias Jochheim – für den großen gesellschaftlichen Konsens auszusprechen, ist daher mutig, neu und von Zuversicht geprägt – womöglich dem jungen Alter des Autors (Jahrgang 1986) geschuldet, aber vielleicht gerade deshalb frei von den Versuchungen, Herausforderungen der Gegenwart auf der Grundlage und mit den Antworten einer ferneren Vergangenheit meistern zu wollen.

Die Gesellschaft wieder zu versöhnen, ein Zurück zum Miteinander, ist in der Tat nicht nur alternativlos, das Versagen der tonangebenden Kräfte in Politik – und Medien – wird auch nirgendwo so deutlich wie in dem sozialen Auseinanderdriften. Die Mitte der Gesellschaft verdünnt sich zusehends, eine Mehrheit findet sich auf einmal nur noch in den Gegensätzen des bedingungslosen Dafür oder des bedingungslosen Dagegen. Einigkeit, die gegenüber den Zuwanderern auch attraktiv wirken soll, erfordert zunächst einmal die Einbeziehung aller schon Vorhandenen. Da gehört die demokratische Rechte genauso dazu wie die demokratische Linke. An dieser Erkenntnis müssen die etablierten Parteien, vor allem aber auch Massen- und Staatsmedien jedoch noch arbeiten. Man kann vielleicht keine großen Freundschaften schließen, weil die Interessen immer unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Staat und Gesellschaft in ihrer jetzigen, demokratischen und rechtsstaatlichen Verfassung zu schützen, den politischen Mitbewerber nicht zu dämonisieren und auszugrenzen, um einen wohlverstandenen Konsens zum Wohle des Landes nicht von vornherein zu verunmöglichen, das ist eine Aufgabe, die anders angepackt werden muss als bisher. Nur dann kann es gelingen, Gegensätze abzubauen und den Neuankömmlingen eine Gesellschaft zu bieten, in die es sich auch freudig integrieren lässt.

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