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Ausgeburten der Gesellschaft

Von CO am 22. Oktober 2016

»Horroclowns«, »Reichsbürger«, »Omaschänder« – eine kranke Gesellschaft gebiert kranke Gestalten.

WESEL (nmj) – Der als Gruselclown Maskierte trat aus dem Gebüsch und hantierte vor einer Spaziergängerin mit einer Kettensäge. Das 48jährige Opfer konnte fliehen und die Polizei alarmieren. Wie in Wesel mehren sich auch in anderen Landesteilen die Vorfälle, teils mit Gewaltanwendung, wobei als Clown kostümierte Psychopathen Angst und Schrecken verbreiten. Dabei hat sich die Republik gerade erst von dem Entsetzen erholt, das Medien und Politik mit ihren Warnungen vor den sogenannten »Reichsbürgern« verbreitet hatten, nachdem in Bayern eines dieser Exemplare einen Polizisten erschossen und mehrere verletzt hatte. Einige Tage zuvor sorgte ein Perverser für Aufsehen, der in Düsseldorf eine 90jährige Greisin nach dem Kirchgang vergewaltigt hatte.

Psychopathen in Clownsmaskerade: Ausgeburten der Gesellschaft. (Bild: Ringleb Net Images)

Psychopathen in Clownsmaskerade: Ausgeburten der Gesellschaft? (Bild: Ringleb Net Images)

»Sowas hat es früher nicht gegeben«, kommt einem spontan in den Sinn und gemeint ist damit, dass die Fälle aufsehenerregender Absonderlichkeit offenbar zunehmen. So verschieden die Motivlage und die jeweiligen Hintergründe und Zusammenhänge auch sein mögen, alle diese skurrilen Verbrechen eint, dass die Täter sich nicht nur, wie gewöhnliche Verbrecher, außerhalb der Gesellschaft stellen, sondern auch außerhalb des Rahmens, den die Begehung einer Straftat ohnehin schon steckt. Immer extremer, immer rücksichtsloser geht es zu, und was die Gesellschaft im Politischen und Sozialen kennzeichnet, setzt sich im kriminellen Milieu fort. Es genügt nicht mehr, einfach nur kriminell zu sein. Der Schritt, Grenzen zu übertreten, wird immer öfter mit einer Inkaufnahme von existentieller Abgrundtiefe vollzogen. Selbstbeschränkung, Maßhalten, Eigenreflexion – all dies sind Fremdworte, welche vermeintlich überkommene Eigenschaften beschreiben, die in einem Grenzen infrage stellenden Sozialgefüge keine Daseinsberechtigung mehr zu haben scheinen.

Die Ent-Grenzung hat prominente Fürsprecher. In Medien, Gewerkschaften, Kirchen und der Politik wird jede Art der Grenz-Ziehung jedenfalls dann mit einem Fragezeichen versehen, wenn das Eingegrenzte als grob ungerechter Zustand gegenüber dem Ausgegrenzten angeprangert werden kann. Das aber trifft letztendlich auf alle gesellschaftlichen Verhältnisse und Beziehungen zu, sodass am Ende nicht nur das ungerechte »viel mehr«, sondern das »überhaupt anders« zur Disposition gestellt werden muss: Wo der Reiche sich bislang mit einer (zumindest fallweisen) Begründetheit für seinen Überfluss rechtfertigen musste, verleitet die Dauer-Anklage jeder Art der Besserstellung irgendwann zur Delegitimation überhaupt anderer Zustände als den der Schlechtexistenz. Konsequenterweise müsste man Türen verbieten und nur noch Vorhänge gestatten, die jedermann jederzeit hindurchtreten lassen. Nicht nur materieller Besitz ist von dieser Grenzenlosigkeit betroffen. Die Absenkung von Bildungsstandards folgt der als ungerecht empfundenen Qualifizierungsvoraussetzung; Inklusion ist das Stichwort, um die objektive Begrenztheit von Fähigkeiten zu eliminieren; Frauenquoten beseitigen den ungerecht verstandenen »Rollenimperialismus«; und die Gender-Ideologie will die Ungerechtigkeit der Geschlechtsnatur überwinden. Wo es gar Menschen selbst sind, die eine Grenzdefinition vornehmen, wird überhaupt nichts mehr akzeptiert, was nicht zuvor von einem Kollektiv zum Individualverbleib genehmigt wurde. Der in seinen vermeintlichen Ansprüchen stets Ermunterte wird logischerweise, nachdem ihm Essen, Kleidung und Unterkunft gegeben wurden, den Anspruch entwickeln, dass auch seine Unterhaltungs-, Luxus- und Libidobedürfnisse zu befriedigen sind. Mangels Grenzlegitimität darf das, so die Schlußfolgerung, dann auch per Grenzüberschreitung erfolgen.

Terrorclowns, Reichs-Separatisten und Greisenschänder exaltieren auf ihre Art den gesellschaftlichen Impetus, dem Bewahrenden fortweg entfliehen zu wollen; dafür müssen Konventionen gebrochen und Grenzen eingerissen werden. Die Gesellschaft, die es zu einer Tugend verklärt, gegen »die Verhältnisse« aufzubegehren, und welche konservative Besitzstandswahrung als unzulässigen Egoismus diffamiert, gebiert damit immer neue Exemplare, die auch mühsam und aus gutem Grunde errichtete Grenzen niederwalzen. Jede Krankheit kennt besonders schlimme Ausprägungen und die besonders kranken Gestalten, die unsere Gesellschaft zunehmend hervorbringt, kann man demzufolge nicht als abnorme Verläufe in der Sozialentwicklung, sondern als ihre schnellsten Vorläufer begreifen.

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