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NMJ undercover: Der rheinische Ungehorsam

Von CO am 21. Dezember 2013

Wie streng wird eigentlich das Rauchverbot eingehalten? Eine undercover-Recherche des Neumarkt Journals (NMJ) wirft Fragen auf.

DÜSSELDORF (nmj) – Irgendwo in Düsseldorf. Es ist Freitagabend, die Gaststätten der Landeshauptstadt füllen sich nach und nach. Unsere Reporter wollen wissen, wie streng man sich an das Rauchverbot hält. In der ersten Kneipe, im Süden der Stadt, herrscht das gewohnte Bild: Im Innenraum wird nicht geraucht, die Plätze draußen, bei den Aschenbechern, sind, trotz eisigem Wind, regelmäßig belegt. Ist das Rauchverbot noch ein Thema? Siegfried L.* wird gleich ungehalten, als wir ihn danach fragen: „Wie Hunde bei Wind und Wetter vor die Tür gesetzt“, erregt sich der Internettechniker. Jetzt erst, im Winter, bekommen die rauchenden Mitmenschen so richtig zu spüren, wie unangenehm das ist. „Vor allem, da auch die Heizpilze verboten worden sind“, ergänzt der 48jährige. Und sein Nebenmann, Thomas B. (52), wirft ein, dass zwar „die Risiken für Lungenkrebs gesunken, aber dafür die einer Lungenentzündung sprunghaft angestiegen“ seien. Ob das witzig gemeint ist, bleibt offen. Bei solchen Unterhaltungen wird immer viel Ironie eingestreut.

Viele Betroffene sind gleichgültig, manche verärgert, einige extrem wütend. So wie Detlef P. (52), selbständiger Kaufmann, den wir in der nächsten Lokalität antreffen. Er beließ es nicht beim Schimpfen, sondern trat einer Initiative bei, die sich zum Ziel gesetzt hat, den alten Rechtstzustand wieder herzustellen, wonach es in Gaststätten abgetrennte Räumlichkeiten für das rauchende Publikum geben dürfen soll. Sein Verein sammelt Unterschriften, um zur Not mittels eines Volksbegehrens gegen das NRW-Rauchergesetz anzugehen. Die Chancen sieht er als durchaus gegeben an. Die notwendige Anzahl an Unterstützern habe man beisammen. Nur an der Organisation hapert es hier und da. Gerade, als wir wissen wollen, was das für Schwierigkeiten sind, werden wir Zeuge, wie ein Gast sich eine Zigarette ansteckt. Drinnen.

Heimlich am Tresen wird geraucht.

Heimlich am Tresen wird geraucht.

Er steht etwas abseits vom Tresen, hinter einer Palmen-Deko. Fragend nähern wir uns. Ob ihn noch niemand habe rauswerfen wollen, wegen der Zigarette. „Wieso denn?“, guckt er uns verständnislos an, „der Wirt raucht doch selbst“. Tut er das? Na ja, nicht direkt hinter der Theke, mehr so im Zwischenbereich zum Privatbereich. Sicherlich ein Grenzfall. Aber der Gast selbst riskiert – ebenso wie der Wirt – eine Ordnungsstrafe, sollte er erwischt werden. Detlef P., der Unterschriftensammler, erläutert: „Das ist noch gar nichts! Ich kann Ihnen Kneipen zeigen, da schert sich niemand um das Rauchverbot. Da qualmen sie alle!“ Wir sind gespannt und folgen dem Aktivisten. Ein paar Straßen weiter, an einer Ecke, zunächst das gewohnte Bild. Draußen sind zwei Stehtische aufgebaut, jeweils mit Aschern darauf. Wir betreten die Wirtschaft. Gut besucht ist sie, etwa 40 Gäste, die meisten im jüngeren Alter. Hier ist man besser Fan einer bestimmten, heimatlichen Fußballmannschaft – wenn man nach der Dekoration urteilt. Schlösser Alt ist die bevorzugte Marke. Die Stimmung ist gut. Und dann passiert es: Ein junger Mann, vielleicht Mitte 20, bittet um Ruhe und erklärt für alle hörbar, man habe soeben beschlossen, sich zu einer spontanen Versammlung gegen die Raucher-Diskriminierung zusammen zu schließen. Man mache jetzt vom Versammlungsrecht Gebrauch und bitte alle Gäste, die dieser Versammlung nicht beiwohnen wollten, zu gehen. Und er steckt sich direkt anschließend, für alle gut sichtbar, eine Zigarette an.

Nicht ein einziger der Anwesenden fühlt sich von der Aufforderung, zu gehen, angesprochen. Und mehr noch: Wie auf ein Stichwort hin erglimmen in der gesamten Wirtschaft auf einmal die Feuerzeuge und überall werden Aschenbecher hingestellt.

Auch der Wirt pafft kräftig mit, obwohl ihm mitunter anzusehen ist, dass er sich so ganz wohl in seiner Haut nicht fühlt. „Was soll ich denn machen?“, sagt er rundheraus, als wir ihn ansprechen. „Ich kann das jetzt unterbinden und ruck-zuck ist die Bude leer“.

Wie aufs Stichwort wird gequalmt.

Wie aufs Stichwort wird gequalmt.

War das Ordnungsamt schon mal da?

Ein Gast, Mike M. (54), lächelt vielsagend: „Hier bei uns im Stadtteil gehen die Uhren ein wenig anders rum. Es gab mal den Versuch einer Kontrolle. Da haben sich dann aber beide Seiten schnell darauf verständigt, dass das keine gute Idee ist.“ Ein Blick in die Runde lässt ahnen, was er meint. Mit wenigen von den kräftigen und entschlossen auftretenden Burschen würde man sich anlegen wollen.

Beim Zocken: Die Zigarette gehört einfach dazu.

Beim Zocken: Die Zigarette gehört einfach dazu.

Wir erzählen aus Kaarst. Da wird das Verbot strengstens beachtet. Keine Ausnahmen, nirgendwo. Mitleidige Blicke treffen uns. „Da müsst Ihr eben noch was lernen“, heisst es süffisant.

So feiert Düsseldorf: Mit Musik, Alt und Zigarette.

So feiert Düsseldorf: Mit Musik, Alt und Zigarette.

Man gewinnt den Eindruck, das Rauchergesetz habe zwei Arten von Lokalitäten kreiert: Diejenigen, die sich daran halten – und diejenigen, die das eben nicht tun. Was aber nur dann Konsequenzen hat, wenn aus dem Publikum nicht allzu viel Widerstand zu erwarten ist. Ein Insider, der über gute Kontakte zur Stadtverwaltung verfügt, erläutert es mehr oder weniger offen: „Es gibt Kneipen, da erzittern schon alle, wenn es heißt ‚Ordnungsamts-Kontrolle‘, da können Sie Verstöße auch ahnden. Es gibt aber auch Kneipen, da ist von Anfang an klar, hier können Sie gleich mal den Mannschaftsbus der Polizei bestellen, weil es sonst sehr schnell ungemütlich wird.“ Ungehorsam auf rheinische Art eben.

Der Tresen, wie man ihn früher schon kannte...

Der Tresen, wie man ihn früher schon kannte…

Ironie der Angelegenheit: Je massiver gegen das Rauchverbot verstoßen wird, umso größer die Aussicht darauf, unbehelligt zu bleiben. Denn die „Verhältnismäßigkeitsabwägung“ führt regelmäßig zu der Erkenntnis, dass die Bindung von Einsatz- und Ordnungskräften für die Durchsetzung des Rauchverbots zumindest dann unverhältnismäßig ist, wenn über diese Lokalitäten nicht einmal Beschwerden eingehen – weil es alle in Ordnung finden, wenn geraucht wird.

In Kaarst undenkbar: Zigarette und Ascher auf dem Tresen.

In Kaarst undenkbar: Zigarette und Ascher auf dem Tresen.

Detlef P., der Unterschriftensammler, ist unterdessen weiter unterwegs. Wieder Unterschriften sammeln. Diesmal aber nicht für seine Initiative, sondern für die Deutsche Zentrumspartei, die im Mai bei der Europawahl antreten will – und sich für die Rechte der Raucher einsetzt. Das Argument zieht in diesen Kreisen und selbst die politisch oft desinteressierte Jugend füllt bereitwillig den amtlichen Vordruck aus.

Die Jugend macht mit und unterstützt die Zentrumspartei.

Die Jugend macht mit und unterstützt die Zentrumspartei.

Formulare der Zentrumspartei: Raucher unterschreiben sofort.

Formulare der Zentrumspartei: Raucher unterschreiben sofort.

 

Nach Mitternacht nehmen wir noch einen Absacker in der Pizzeria gegenüber, ehe die Regiobahn uns nach Hause bringt. Pasquale, der Inhaber, schaut etwas säuerlich auf den Kneipenbetrieb gegenüber. „Ich muss meine Raucher nach draußen schicken und das tue ich, weil es Gesetz ist. Früher haben meine Gäste noch eine Flasche Wein mehr getrunken, jetzt gehen sie da drüben hin, weil man da ja drinnen rauchen darf.“ In Italien, seiner Heimat, ist das alles kein Problem, weil die Winter nicht so lang und streng sind wie in Deutschland. „Das ist Europa“, sagt er zum Abschluss, „alles gleich machen, auch was nicht gleich gemacht werden kann.“ Wir können nicht widersprechen.

*Alle Namen geändert

Alle qualmen, keinen stört's.

Alle qualmen, keinen stört’s.

  1. dschimmywho

    21. Dezember 2013 at 16:59

    Das NMJ entwickelt sich immer mehr zu einem Lichtblick der medialen Szene , danke, bravo

  2. kaarster04

    21. Dezember 2013 at 17:50

    investigativ Journalismus,hm? wow,das ding hier mqccht sich aber prächtig

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